Der Yogi lebt vegetarisch – Interview in der NZZ – Neue Zürcher Zeitung

«Der Yogi lebt vegetarisch»

Der ehemalige Mönch Keshava Peter Weitgasser über Ernährung und die Vorteile eines ruhigen Geistes.

Ein Interview mit Valerie Zaslawski von der NZZ – Neue Zürcher Zeitung im August 2018

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Zur Person

Der 50-jährige Österreicher Keshava Peter Weitgasser ist ein ehemaliger Yoga-Mönch, der den spirituellen Titel Swami Keshavananda trägt. Seit 1998 praktiziert und lebt er den klassischen Yoga-Stil in der Tradition von Swami Sivananda, einem der grossen Yoga-Meister Indiens. Weitgasser ist heute als selbständiger Yoga-Lehrer in Bregenz tätig. In seiner Schule Yoga meets You bietet er auch ayurvedische Koch-Workshops an. Ausserdem schreibt er an einem Buch über yogisch-vegetarische Ernährung und Ayurveda.

Keshava Peter Weitgasser Früherer Mönch. (Bild: PD)

(Keshava Peter Weitgasser – Früherer Yogamönch)


Herr Weitgasser, Yoga liegt stark im Trend. Gleichzeitig spriessen vegetarische Restaurants aus dem Boden. Sehen Sie hier einen Zusammenhang?

Yoga ist eine mindestens 5000 Jahre alte Philosophie, die aus Indien stammt, und sie ist gleichzeitig der Weg zur Selbsterkenntnis. Da im Yoga das Prinzip der Gewaltlosigkeit gilt, lebt der Yogi seit je vegetarisch.

Geht es Vegetariern denn ausschliesslich ums Tierwohl?

Ich kann nicht für alle Vegetarier sprechen, aber viele Menschen, die sich vegetarisch ernähren, haben oft ein starkes Körperbewusstsein. Auch Yogis haben ein Bedürfnis nach Reinheit und schreiben die Gesundheit gross. Denn ohne Gesundheit kann man nicht meditieren. Und ohne Meditation kommt man zu keiner Selbsterkenntnis.

Für die körperlichen Aspekte bedienen sich die Yogis der Elemente des Ayurvedas, der Kunst des langen Lebens. Welche wären das?

Aus der ganzheitlichen Gesundheitslehre sind für Yogis die drei Körpertypen Vata, Pitta und Kapha relevant, auch wenn in der ayurvedischen, anders als in der yogischen Küche Fleisch und Fisch verwendet werden. Die Körpertypen regulieren beispielsweise die Verdauung. Der Vata ist eher schlank, der Pitta kräftig, und der Kapha tendiert zu Übergewicht.

Wie finde ich heraus, welcher Körpertyp ich bin?

Reine Körpertypen gibt es nicht, meistens zeigt sich ein Typ aber verstärkt. Ausschlaggebend sind Gesichtsform, Finger, Handgelenke, Pulsschlag, Gewicht oder Grösse des Brustkorbs. Im Internet finden sich Tests, doch ich empfehle jeweils, einen ayurvedischen Arzt aufzusuchen. Auf Grundlage der Ayurveda-Typen basieren alle Empfehlungen der ayurvedischen Medizin, die freilich weit über die Ernährung hinausgeht, auch wenn diese einen Kern des Ayurvedas bildet.

Für die unterschiedlichen Typen gelten unterschiedliche Ernährungsempfehlungen?

Je nach Typ sollte auf bestimmte Nahrungsmittel verzichtet werden, hierzu gibt es ganze Listen mit Empfehlungen. In der Regel gilt: Der Vata mit seiner wechselhaften Verdauung sollte möglichst warme Mahlzeiten zu kürzeren, regelmässigen Zeiten einnehmen. Mittags ist das Verdauungsfeuer stark und wird durch kalte Speisen am Morgen gestört. Der Pitta sollte sich eher kühl und trocken ernähren. Und dem Kapha wird empfohlen, weniger zu sich nehmen, als er meint, Hunger oder Appetit zu haben.

Der Arme!

Dem Kapha empfehle ich zudem leicht verdauliche Speisen, also vorwiegend warme und gekochte Lebensmittel. Salate und Rohkost hingegen sollten nur zur Mittagszeit gegessen werden.

Beschränken sich die Körpertypen denn auf die Verdauung?

Nein, sie bestimmen die individuellen Konstitutionen eines jeden Menschen, also auch den Charakter. Vata enthält die Eigenschaften der Elemente Äther und Luft. Pitta jene des Feuer- und des Wasserelements. Beim Kapha schliesslich treffen das Erd- und das Wasserelement aufeinander.

Inwiefern haben diese Konstitutionen einen Einfluss auf die Meditation?

Dem einen fällt das Meditieren leichter, dem anderen schwerer. Voraussetzung für die Meditation ist ein ruhiger Geist. Dieser ist von der Tagesform abhängig – und im Speziellen von der Ernährung. Im Yoga versuchen wir zudem mithilfe der Gunas den Geist zu beruhigen.

Oje, noch so ein Fremdwort.

Gunas sind unterschiedliche Qualitäten, sie sind die drei grundlegenden Eigenschaften der Natur: Sattva, Rajas und Tamas bedeuten Reinheit, Aktivität beziehungsweise Trägheit. Die Gunas treten in den Tages- und Jahreszeiten auf, aber auch in der Nahrung.

«Voraussetzung für die Meditation ist ein ruhiger Geist. Dieser ist von der Tagesform abhängig – und im Speziellen von der Ernährung.»

Wie können sie genutzt werden?

Im Yoga wird versucht, möglichst viel sattwig zu essen, denn zu rajassige Küche macht den Geist unruhig und zu tamassige Nahrung macht träge. Man kann aber nicht nur sattwig essen, denn es braucht die Qualität Rajas, um beispielsweise aus dem Bett zu kommen, und Tamas, um einzuschlafen.

Können Sie ein paar Beispiele nennen, welche Nahrungsmittel unter welche Qualität fallen?

Sattwige Nahrung ist leicht, also zum Beispiel Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse oder Salat sind Yogis zu empfehlen. Rajassige Nahrungsmittel wie scharfe Gewürze, Zwiebel oder Knoblauch wirken hingegen anregend. Auch Schwarztee oder Kaffee sind rajassig. Und unter tamassige Nahrung fallen Fleisch, Geflügel, Eier oder Zucker. Alkohol und Tabak zählen ebenfalls dazu, auch wenn das nicht in die Gruppe der Nahrungsmittel gehört. Tamassiges sollte im Yoga vermieden werden.

Das klingt einigermassen dogmatisch.

Nun, wenn Sie heute tamassig essen oder Alkohol trinken, fällt dies spätestens morgen auf Sie zurück. Man kann mit schwer verdaulichen Leberkäsesemmeln im Bauch kein Yoga machen. Die Folgen sind auch für die Meditation direkt spürbar. Ihr Geist wird träge sein.

Viele Menschen sind aber überzeugt, dass sie Fleisch brauchen. Stichwort: Eisenmangel.

Am Ende des Tages muss jeder für sich selber entscheiden, was ihm guttut. Für mich ist es der Fleischverzicht. Der Bedarf an Eisen kann zum Beispiel durch grünes Gemüse wie Spinat, getrocknete Aprikosen oder Linsen kompensiert werden, zumindest grösstenteils.

Also ein Leben ganz ohne Ausnahmen?

Vielleicht drücke ich bei Schokolade ab und zu ein Auge zu. Und hin und wieder mache ich bei Zwiebeln und Knoblauch eine Ausnahme, denn die beiden rajassigen Nahrungsmittel gelten im Ayurveda als Heilmittel, während sie im Yoga aufgrund der anregenden Wirkung zu vermeiden sind.

«Ayurveda mit seinen Ernährungsempfehlungen eben Teil von Yoga. Eine klare Trennung ist nicht möglich.»

Zusammenfassend geht es beim Yoga also um den Geist und bei Ayurveda um den Körper?

Verkürzt darf man das wohl so stehen lassen, ja. Ich möchte dennoch hinzufügen, dass Yoga mit seinen Körperübungen auch Teil von Ayurveda ist. Und Ayurveda mit seinen Ernährungsempfehlungen eben Teil von Yoga. Eine klare Trennung ist nicht möglich.

Im Westen erfreut sich Yoga ja gerade wegen seiner Körperübungen grosser Beliebtheit.

Schon, aber letzten Endes sollen auch die Körperübungen den Geist auf die Meditation vorbereiten. Dasselbe gilt für die Atemübungen.

Yoga soll also der Weg zur Selbsterkenntnis sein, für die es die Meditation braucht?

Nicht alle, die Yoga praktizieren, möchten sich selbst verwirklichen, also brauchen sie auch nicht zu meditieren. Doch integrales Yoga in der Sivananda-Tradition, aus welcher ich komme, unterteilt sich in vier Wege zur Selbsterkenntnis: das Heranführen des Körpers an den Geist durch die Meditation, also Raja-Yoga, ist ein Teil davon. Weiter gibt es Karma-Yoga, den Weg der Handlung, darunter fällt auch Kochen für die Liebsten.

Nach ayurvedischen Rezepten, nehme ich an?

Natürlich (lacht). Weiter gibt es den Weg der Hingabe, der sich Bhakti-Yoga nennt. Und schliesslich gibt es Jnana-Yoga, den Weg der Weisheit, das Studium der vedischen Schriften. Der moderne Yoga verwendet nur Teile davon. Aber das macht nichts, denn Mahatma Gandhi hat einmal gesagt: Der Wege gibt es viele, die Wahrheit oder Gott ist eins.

Und wer ist Gott für die Yogis?

Brahman, wie Gott im Yoga genannt wird, ist die unveränderliche, unendliche und transzendente Realität, die den Urgrund von allem darstellt, was existiert.

Also ist Yoga doch eine Religion mit einem Gott?

Nein, Yoga ist der Weg zu Gott und keine Religion, eine Hilfe zum Praktizieren der spirituellen Wahrheiten in allen Religionen, sowohl im Hinduismus, dem Christentum und dem Islam. Der Hinduismus wurde vom Yoga aber stark geprägt. Dennoch: Nicht jeder Hindu ist ein Yogi. Und genauso wenig ist jeder Yogi ein Hindu.

Indem Sie sagen, Yoga sei der Weg zur Selbsterkenntnis, rücken Sie Yoga allerdings in eine esoterische Ecke. Werden Sie oft mit dem Vorwurf, einer Sekte anzugehören, konfrontiert?

Beim klassischen Yoga geht es primär um die Fokussierung des Geistes. Ich verstehe nicht, was das mit Esoterik oder einer Sekte zu tun haben soll.

Isst man, wenn man erleuchtet ist, immer noch ayurvedisch?

Selbstverwirklichte sind vom Körper so weit entfernt, dass sie kaum mehr physische Nahrung zu sich nehmen. Sie leben dann von Lichtnahrung.

Durch Selbstversuche mit Lichtnahrung sind schon Menschen gestorben.

Ja, eine Nachahmung ist nicht zu empfehlen.

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